Rabenschwarze Nacht

Man ist es schon so gewöhnt, dass man es eigentlich nicht mehr wirklich registriert: Die Beleuchtung einer Stadt während der Nacht.
Seien es nun die Laternen, Beleuchtungen der Bushäuschen oder einfach nur die diversen Reklametafeln etc. Es ist nie wirklich dunkel in einer Stadt.

Es sei denn…

…die Beleuchtung fällt einfach mal aus und sei es nur partiell.

Ich hatte mich schon gewundert, als ich in die Phoenixstraße einbog. Irgendwas war da anders als sonst. Nur kam ich nicht gleich drauf. Die Straße lag dunkel und ruhig vor mir. Es sah eigentlich aus wie immer und doch stimmte was nicht. Bis mir mal dämmerte, dass die Laternen auf der kompletten Länge aus waren. Das mal ein oder zwei nicht leuchten, kennt man ja. Der Laternen-austreten-Job steht auch heute noch relativ hoch im Kurs – und funktioniert meist auch immer noch recht gut. Aber auf der gesamten Länge einer Straße ist dann doch eher ungewöhnlich.

…und merkwürdig irgendwie.

Als ich dann in meinen Bezirk abbog stellte ich fest: Auch hier brennt nicht eine Straßenlaterne!
Das gab mir zwar Rätsel auf aber es beunruhigte mich auch nicht weiter. Eine andere damit einhergehende Tatsache war da viel interessanter: Dunkelheit ist nicht gleich Dunkelheit.
Genau genommen leben wir doch in einer ziemlich hellen Welt. Selbst auf noch so kleinen Dörfern hat es allerorten Straßenlaternen. Wir kennen doch eigentlich gar keine ungefilterte Dunkelheit mehr. Wir sind umgeben von so vielen künstlichen Lichtquellen, dass wir es nicht mal mehr merken, wie hell unsere Nächte eigentlich tatsächlich sind.

Ich dachte ja immer, ich hätte meine Tour so gut im Kopf, dass mich eigentlich nicht viel aus dem Konzept bringen kann. Im Kopf habe ich sie definitiv aber aus dem Konzept kann man sehr viel leichter gebracht werden als angenommen. In diesem Fall von einer völlig natürlichen Sache: Dunkelheit.
Natürlich hatte sich an den Örtlichkeiten nichts geändert. Aber am Blickwinkel änderte sich so einiges. Gewohnte Orientierungspunkt waren schlicht kaum noch zu erkennen, andere völlig von der Dunkelheit verschluckt. Briefkästen verschwanden noch mehr in uniformer Gleichförmigkeit. All die kleinen, meist eher unscheinbaren, Merkmale an denen ich meine Briefkästen von einander unterschied, waren einfach weg. Natürlich waren sie immer noch da aber eben nicht mehr sichtbar. Plötzlich brauchte ich wieder öfter meine kleine Taschenlampe.
Wege, die ich eigentlich wie meine Westentasche kenne, wurden plötzlich zu einer Art Neuland, welches ich betreten musste. All die kleinen Hindernisse, von denen man glaubt, man kenne sie im Schlaf, waren so nicht mehr erkennbar und auch wenn man weiß, dass sie da sind, tastet man sich doch vorsichtiger vor. Einfach aus der Tatsache heraus, dass einem gewohnte Orientierungspunkte fehlten, man nur schlecht einschätzen konnte wo genau auf dem Weg man sich gerade befand. Es fühlte sich echt merkwürdig an.

Aber auch das kann man in der „wahren“ Dunkelheit feststellen:
Der Himmel über dir ist bei weitem nicht so Dunkel, wie man meinen könnte, wie er einem immer erscheint. Ganz im Gegenteil lassen sich die Grenzen zwischen Wolkenbänken und freiem Blick ins Universum klar unterscheiden.
…und gerade der ungehinderte Blick auf die zahllosen Sterne ist einfach atemberaubend. Ich hatte es schon fast vergessen, wie so ein Himmel, ohne störende Lichtquellen in direkter Nähe, aussieht. Man gewöhnt sich einfach viel zu sehr an die stete Beleuchtung um sich herum. Man vergisst wie die Sternbilder wirklich aussehen, die man irgendwann mal zu erkennen gelernt hat. Es ist kein Vergleich zu all den vielen Bildern, die man kennt. Bilder geben die wahre Größe und Tiefe eben einfach nicht wieder.

…und so manche Beleuchtung der Hauseingänge, die sich dank Bewegungsmelder automatisch einschaltet, wirkt nun auf einmal einfach nur penetrant hell und störend.

Es war eine der schönsten Touren, die ich jemals gelaufen bin…
…und auch eine der längsten, was die Zeit betrifft. Ich blieb einfach zu oft stehen um den Sternenhimmel über mir zu genießen. Es war schließlich eine Gelegenheit, die genutzt werden wollte.

…und am folgenden Tag war der Zauber auch schon vorbei. Alle Straßenlaternen versahen wieder wie gewohnt ihren Dienst.

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